Schnipselzeit Part 3 ![]()
Hier kommt die dritte und letzte Leseprobe aus unserem neuen Projekt "The Legend of Drekh"
Viel Spaß jetzt erstmal beim Lesen und wir freuen uns über euer Feedback!
Kapitel 1 - Der Tag an dem der Käfer starb
So wie jeden Tag flimmert die sengende Hitze in der Luft, weshalb ich mich meistens in unserer Rundhütte oder im Schatten unter einem der wenigen Bäume aufhalte.
Gestern bin ich fünf Jahre alt geworden und Mama lag bereits am Mittag sturzbesoffen mit dem Gesicht auf dem Tisch. Das ist ihre Art, diesen Tag zu feiern. Heute hat sie deshalb Kopfweh und will allein in der dunklen Hütte sein, weshalb ich draußen sitze und den anderen beim Spielen zuschaue.
Sie sind alle so viel größer als ich. Selbst diejenigen unter ihnen, die zwei oder drei Jahre nach mir geboren wurden. Ich bin gerade mal kniehoch, am Bein eines ausgewachsenen Kodagrokh gemessen, und damit gut zwei Köpfe kleiner als der Durchschnitt meiner Altersgenossen. Wenn die Erwachsenen an mir vorbeistapfen, bebt der trockene Boden und ich sehe die winzigen Steinchen darauf umherhüpfen. Außerdem habe ich das Gefühl, sie bewegen sich allesamt viel langsamer als ich. Ein Haufen schwerfälliger Kolosse, die mir Angst einflößen, besonders der eine, der immer in Ketten durchs Dorf schlurft und auf einer unansehnlichen Decke vor dem Haus des Ältesten schläft.
Ich sitze also mal wieder im Schatten eines Baumes und sehe den anderen Jungkodas beim Spielen zu. Sie haben sich Panzerungen aus Holzstücken, Rinde, Knochen und Metallschrott gebastelt, spielen Krieg der Clane und bewerfen sich dabei mit Steinen, was ihnen überhaupt nichts auszumachen scheint, selbst wenn die Dinger mitten in ihren Gesichtern landen.
‚Warum sind die nur alle so viel zäher als ich?‘, frage ich mich immer wieder, denn von meiner geringen Größe mal abgesehen, sehe ich ja auch körperlich aus, als würde ich unter akuter Mangelernährung leiden ... die anderen dagegen, als seien sie daran schuld. Mopsige Humpen sind das, allesamt! Ich aber kann essen, was ich will, und bleibe trotzdem klein und dünn.
Der mit Abstand Größte unter meinen Altersgenossen ist der fette Durbag, der Sohn unseres Anführers Knorgh Xurl, einem Koloss von Kodagrokh, dem man auch als Kodajunges lieber nicht vor die gewaltigen Füße kommen sollte. Doch seinen kräftigen Sprössling beobachte ich besonders gerne, wahrscheinlich, weil er der einzige Junge ist, der mich nicht ärgert. Er ignoriert mich nur. Generell ist er eher ein ruhiger Typ, der sich selten mit Gleichaltrigen abgibt. Das tut er aber nicht etwa, weil er ein nachdenklicher Bursche ist, sondern er hält sich schlichtweg für etwas Besseres. Als einziger männlicher Nachkomme von unserem Anführer ist er das auch, aber trotzdem oder vielleicht gerade deswegen bewundere ich ihn.
Heute lässt er sich ausnahmsweise mal dazu herab, den Heerführer der kleinen Truppe zu spielen, und hat sichtlich Spaß dabei. Immer wenn ein Windstoß von den spielenden Kindern zu mir herüberfegt, rieche ich ihre verschwitzten Körper, den Duft ihrer von der Sonne beschienenen Haare und meistens auch, was sie zum Frühstück hatten.
Es ist schön ... irgendwie. Eben meine bescheidene Art, am Leben in unserem Clan teilzuhaben, dabei zu sein, selbst wenn ich auf Abstand bleibe. Allerdings wage ich es niemals, sie zu fragen, ob ich mitmachen kann, denn zum einen weiß ich ganz genau, was sie antworten würden, und zum anderen habe ich viel zu große Angst, mich bei ihren rauen Spielen zu verletzen. Aber ich bin halt trotzdem irgendwie gerne in ihrer Nähe. Ich sehe ihnen einfach zu, träume vor mich hin und flechte nebenbei ein paar der gelben Grashalme zusammen.
Es ist ein friedlicher Vormittag. Die Männer sind auf der Jagd und die meisten Frauen gehen ihren handwerklichen Tätigkeiten nach. Sie reparieren Kleidungsstücke, salzen Fleisch ein oder kümmern sich um das wenige Nutzvieh, das wir haben.
Ich bin entspannt, ahne nichts Böses, und als ein kleiner Käfer auf meinem Bein landet, versinke ich mal wieder in meiner Fantasiewelt, so wie häufig. Ich frage mich, wie es wohl ist, ein Käfer zu sein und fliegen zu können? Wie diese Wesen die Welt sehen und wie sie fühlen? In diese Vorstellung steigere ich mich vollkommen hinein und aus diesem Grund bekomme ich auch nicht mit, dass Durbag von seinem Vater gerufen wird. Er haut ab, worauf den anderen Kodas ihr Spiel langweilig wird. Diesmal entgeht mir daher auch das Warnsignal ihrer suchenden Blicke nach Abwechslung, bei denen ich normalerweise sofort das Weite suche.
„He, Drekh!“, ruft Burub und ich zucke erschrocken zusammen, als ich sehe, dass er bereits vor mir steht. Nach Durbag ist er der kräftigste Nachkömmling in meinem Alter, der mich jedoch mit großer Vorliebe ärgert, um sich selbst daran zu ergötzen. Reflexartig schnappe ich mir den Käfer und halte ihn schützend zwischen meinen Händen, doch das ist natürlich erst recht ein gefundenes Fressen für den jungen Tyrannen. „Aaaach, sag bloß, du hast endlich einen Freund?“ Er lacht hämisch und ruft die anderen herbei. „He, seht mal! Drekh kuschelt mit Käfern!“
„Ich beschütze ihn nur“, quäke ich ihm mit meiner piepsigen Stimme entgegen, doch der kleine Rüpel lacht nur umso mehr.
„Du Pimpf willst ihn beschützen?“, höhnt er nun noch lauter johlend, und dann huscht dieses perfide, bösartige Grinsen in sein Gesicht, bei dem ich immer Gänsehaut bekomme. Bevor ich irgendetwas antworten kann, schlägt er von beiden Seiten auf meine Hände und presste diese so mit einem Ruck zusammen.
Ich spüre, wie der Panzer des kleinen Tieres knackt und wie es zwischen meinen Handinnenflächen schleimig-nass wird, weshalb ich sofort zu schluchzen beginne. „Du ... du hast ihn getötet!“
„Oh nein, das waren deine Hände! Du hast ihn zerquetscht!“ Burub lacht mich aus, die anderen tun es ihm gleich. „Ein starker Koda hätte ohne Probleme dagegenhalten können, aber du ... du bist schwach!“ Er hebt die Faust, um mich zu schlagen. „Sieh es ein! So ein Kümmerling wie du kann nichts und niemanden beschützen!“
„Aber ich kann!“ In diesem Moment trifft ihn ein fester Seitenhieb in die Rippen und augenblicklich sackt er keuchend zusammen. Es ist Chikh, ein Mädchen in unserem Alter, das ihm diesen Haken verpasst hat, und ehe er aufstehen kann, platziert sie noch zwei weitere saftige Schläge in seine Magengrube sowie einen letzten gezielt zwischen die Eier. „Na, hast du genug oder willst du mehr?“, fragt sie provozierend, aber Burub keucht nur noch nach Luft ringend auf dem Boden herum und krümmt sich wie ein hustender Sandwurm. „Was ist mit euch?“ Spucketröpfchen fliegen bei dieser Frage in die Runde der zuvor noch sensationslustig Gaffenden, die Chikh nun völlig entgeistert anstarren.
„Warum verteidigst du den Schwächling?“, giftet Gulfim sie an, hilft seinem besten Freund hoch und sieht mich verachtungsvoll an. Chikh zieht nur ihre Nase kraus, die wie der Rest ihrer Haut mit vereinzelten, kleinen Hornhautplatten überwachsen ist, und zeigt auf die verknoteten Grashalme zu meinen Füßen.
„Weil er schön flechten kann und ich ein Band für meine Haare will!“ Dabei pustet sie ihre rote, wilde Mähne aus dem Gesicht, deren Strähnen ihr ständig vor den Augen hängen, und tritt eine Ladung Staub in Richtung ihrer Spielgefährten. „Und jetzt verzieht euch!“
Vollkommen fassungslos glotze ich der fluchenden, kleinen Meute hinterher und bewundere gleichermaßen das stämmige Gör mit den Hammerfäusten, das sie in die Flucht geschlagen hat.
„Da-Danke“, schniefe ich, doch sie wirft mir nur einen strengen Blick zu.
„Stotterst du?“, fragt sie harsch und kneift ihre großen Kulleraugen prüfend zu engen Schlitzen zusammen.
Ich schlucke schwer. „Äh, nein?“
„Dann antworte ordentlich!“, blafft sie, stemmt die Fäuste in ihren kindlichen Hüftspeck und reckt die Nase selbstbewusst in die Höhe. „Sag: Danke, oh große, wundervolle Chikh, dass du mich gerettet hast! Dafür mach ich dir jetzt ein Haarband!“
„Äh ... gut, ähm ... Danke, oh große -“
„Ja, ja, das reicht schon!“, unterbricht sie mich gleich und grinst von einem Ohr zum anderen, ehe sie wie eine panische Ratte zu buddeln beginnt. „Da“, sagt sie schließlich, nachdem sie ein kleines Loch gegraben hat, und zeigt mit ihrem knubbligen Wurstfinger drauf. „Beerdige das Krabbeltier ehrenvoll und dann hör auf, ihm hinterherzutrauern!“ Ehe ich mich versehe, packt sie meine Hände, zieht sie über dem Loch auseinander und schüttelt sie, bis sich das kleine zermatschte Insekt von meiner Haut löst und in ihre Grube fällt. Dann rubbelt sie meine Hände im Staub trocken und schiebt mit ihnen die Erde zurück, um das kleine Grab wieder zuzuschaufeln. „Hatte dein Freund einen Namen?“
„Ich ... ich weiß nicht“, stammle ich, doch sie nickt.
„Gut. Dann äh ... finde Ruhe in Orkhos Unterwelt, Käferlie! Und möge dein Totmacher den Rest seines Lebens die Luft zwischen den Beinen eines verschwitzten Trolls schnüffeln müssen!“ Ich glotze sie fassungslos an, aber plötzlich ... lache ich los. Ich lache so sehr, wie ich noch nie zuvor gelacht habe, und kann auch nicht damit aufhören, als sie mich anstößt und ermahnt: „Ey! So eine Beerdigung ist eine ernste Sache! Reiß dich mal zusammen und werde erwachsen!“
„Entschuldige, entschuldige“, wiederhole ich immer wieder, doch es braucht eine halbe Ewigkeit, bis ich mich vollständig beruhigt und zu glucksen aufgehört habe.
„Schön, die große Chikh verzeiht dir“, verkündet sie mit abermals erhobener Nase und zeigt erneut auf die Gräser. „Und jetzt flechte mir gefälligst ein hübsches Haarband!“

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